Die zweite Quartalsauswertung 2026 zeigt: Österreichs Gemeinden und Bezirke blicken weiterhin differenziert auf die Europäische Union. Auch die persönliche Einschätzung der befragten Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen fällt erneut deutlich positiver aus als die von letzteren vermutete Stimmung in der Bevölkerung. Gleichzeitig hellt sich auch jene vermutete öffentliche Stimmung im Vergleich zu Q1 sichtbar auf. Quartal 2 bringt neue Schwerpunkte in den Vordergrund: bewusste Falschinformation auf Gemeindeebene, geopolitische Handlungsfähigkeit Europas, Energie und Inflation, künstliche Intelligenz sowie die praktische Nutzung von EU-Förderungen. Es besteht ein klarer Wunsch nach verständlicher Information, weniger Bürokratie und einer EU, die nach außen geschlossener und vor Ort greifbarer auftritt.
Die Ergebnisse des zweiten Erhebungsdurchgangs 2026 geben einen fundierten Einblick in das Verhältnis zwischen kommunaler Ebene und Europäischer Union. Grundlage sind 195 vollständig abgeschlossene Fragebögen von Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen. Die Schwankungsbreite beträgt +/- 5 Prozent. Die Befragung ist quartalsweise angelegt. Sie macht es dadurch möglich, die Stimmung in Gemeinden über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen und deckt auf, welche europäischen unmittelbar auf kommunaler Ebene ankommen.
Eckdaten der Erhebung
- Zielgruppe: Österreichische Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen
- Stichprobe und Rücklauf:
- Grundgesamtheit: 2.130 Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen
- Vollständig abgeschlossene Fragebögen: 195 (9,1% der Grundgesamtheit)
- Erhebungszeitraum: 20. Mai bis 31. Mai 2026
- Statistische Schwankungsbreite: +/- 5 %
- Erhebungsrhytmus: quartalsweise
Falschinformation auf Gemeindeebene
Zu Beginn richtet die Auswertung den Blick auf ein Thema, das in der europäischen Debatte häufig abstrakt behandelt wird, auf kommunaler Ebene aber sehr konkret spürbar ist: bewusste Falschinformation. Die zeigen, dass Desinformation nicht nur ein digitales Randthema ist, sondern Projekte, Personen und Vertrauen vor Ort unmittelbar berühren kann.

Abb. 1: Erfahrungen mit absichtlicher Falschinformation in Gemeinden — Onlinevorfälle am häufigsten, gefolgt von persönlichen Fällen und Nichtbetroffenheit.
38,46 Prozent der Befragten geben an, eher im Internet mit gezielter Falschinformation konfrontiert gewesen zu sein. Weitere 26,15 Prozent berichten von eher persönlichen Erfahrungen. Zusammengenommen hat damit knapp zwei Drittel der befragten Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen bereits Berührungspunkte mit bewusster Falschinformation erlebt; 35,38 Prozent verneinen dies.
Die Umfrage gab Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen die Möglichkeit ihre Einschätzungen zu Falschinformationen auch als offene Antworten verstärken dieses Bild: Häufig genannt werden Desinformation als Bedrohung, sinkendes Medienvertrauen, die Bedeutung von Bildung und Medienkompetenz sowie der Wert lokaler, analoger Gespräche. Zugleich werden politische Spaltung und neue technologische Risiken, etwa durch künstliche Intelligenz und anonyme digitale Kommunikation, hervorgebracht.
Europäische Handlungsfähigkeit wird zur kommunalen Erwartung
Der zweite Schwerpunkt betrifft Entwicklungen, ein Punkt der für Europas Zukunft als besonders wichtig eingeschätzt wird. Die kommunale Ebene denkt Europa dabei nicht klein: Energiepreise, Inflation, künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen und hybride Bedrohungen werden als Themen verstanden, die auch Budgets, Vertrauen und Planbarkeit in Gemeinden und Bezirken beeinflussen.

Abb. 2: Wichtigste Entwicklungen für Europas Zukunft nach Priorität (Energie/Inflation, KI, Ungarn Wahl, US Zollpolitik, Desinformation).
Besonders deutlich ist die Meinung der Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen beim Energiemarkt und bei der Inflation: 96,41 Prozent stufen dieses Thema als wichtig oder sehr wichtig ein. Auch künstliche Intelligenz wird von 91,79 Prozent als wichtig oder sehr wichtig bewertet. Dahinter folgen die Parlamentswahl in Ungarn mit 88,72 Prozent, die Zollpolitik der US-Administration mit 88,48 Prozent sowie hybride Kriegsführung und Desinformation mit 81,44 Prozent.
Auf die Frage, was die EU konkret tun sollte, um ihre geopolitische Handlungsfähigkeit zu stärken, dominieren in 146 offenen Antworten einheitliches Auftreten, Entscheidungsfähigkeit, Autonomie und bessere politische Strukturen mit 77 Nennungen. Danach folgen wirtschaftliche Stärke und Wettbewerbsfähigkeit (29), Bürokratieabbau und Deregulierung (28), Verteidigung und Sicherheit (18) sowie Energie- und Rohstoffunabhängigkeit (12).
Die EU-Wahrnehmung hellt sich auf – die Lücke bleibt
Wie bereits im ersten Quartal unterscheidet die Auswertung zwischen der von den Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen vermuteten Stimmung der Bürger:innen und der persönlichen Einschätzung der Befragten. Gerade diese Gegenüberstellung macht sichtbar, wo Europa bereits konstruktiv wahrgenommen wird und wo Vermittlung weiterhin notwendig bleibt.

Abb. 3: Vergleich Q1–Q2: Einschätzung der Bürger zur EU Entwicklung zeigt höhere positive Anteile und weniger Unentschlossene.
Abbildung 3 zeigt nicht die direkte Meinung der Bevölkerung, sondern die Einschätzung der befragten Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen darüber, wie die Bürger:innen in ihrer Gemeinde bzw. ihrem Bezirk die Entwicklung der EU wahrnehmen. Die vermutete positive Stimmung der Bürger:innen steigt von 30,41 Prozent in Q1 auf 38,97 Prozent in Q2. Die negative Einschätzung bleibt mit 56,41 Prozent nahezu stabil, während der Anteil „weiß nicht“ deutlich von 12,44 auf 4,62 Prozent sinkt. Das deutet auf ein klareres Meinungsbild hin: mehr positive Wahrnehmung, aber weiterhin eine mehrheitlich kritische Grundstimmung.

Abb. 4: Eigene persönliche Einschätzung der EU Entwicklung (Q1 vs. Q2) mit Prozentangaben für positiv, negativ und „weiß nicht“.
Abbildung 4 richtet den Blick auf die persönliche Bewertung der Befragten. Hier fällt das Bild weiterhin merklich positiver aus. So bewerten 56,41 Prozent die Entwicklung der EU persönlich positiv, nach 54,37 Prozent im ersten Quartal (ein Plus von rund 2 Prozent). Die negative persönliche Einschätzung sinkt leicht von 43,86 (Q1) auf 41,53 Prozent (Q2).

Abb. 5: Persönliche Einschätzung vs. wahrgenommene Einschätzung der Bürger zur Entwicklung der EU (Persönlich deutlich positiver).
Abbildung 5 zeigt durch direkte Gegenüberstellung die zentrale Lücke: Sichtbar bleibt, wie in Quartal 1, keine grundsätzliche Ablehnung Europas, sondern vor allem eine Lücke zwischen persönlicher Erfahrung und vermuteter öffentlicher Stimmung. Die Differenz legt nahe, dass kommunale Entscheidungsträger:innen Europa dort konstruktiver beurteilen, wo konkrete Berührungspunkte sichtbar sind - etwa bei Förderungen, Infrastruktur, Wirtschaft, Energie oder Sicherheit. Für die politische Kommunikation ist das daher weiterhin zentral.
EU-Förderungen bleiben relevant - Hürden bleiben sichtbar
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf EU-Förderungen. Hier zeigt sich ein pragmatisches Bild: Viele Gemeinden nutzen bzw. beantragen Förderungen, zugleich verhindern fehlende passende Projekte, bürokratische Hürden, Wissenslücken und finanzielle Anforderungen, dass Fördermöglichkeiten überall ausgeschöpft werden.

Abb. 6: Anteil der Gemeinden, die seit der letzten Gemeinderatswahl EU Förderungen beantragt haben (Ja 52%, Nein 41%, Unklar 7%).
Der Großteil der Gemeinden gibt an seit der vergangenen Gemeinderatswahl, um EU-Förderungen angesucht zu haben. Mit 41% gibt jedoch auch ein großer Teil der Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen an, gar keine solche Förderungen beantragt zu haben. Dies zeigt, dass EU-Förderungen damit ein relevantes Instrument bleiben, aber nicht alle Gemeinden gleichermaßen erreichen.

Abb. 7: Bereiche, in denen Gemeinden EU Förderungen beantragt wurden — Infrastruktur dominiert, gefolgt von Kultur und weiteren Sektoren.
Bei den Förderbereichen dominiert Infrastruktur deutlich: 52,48 Prozent nennen diesen Bereich. Dahinter folgen Kultur mit 27,72 Prozent, Vereinswesen mit 15,84 Prozent, Soziales mit 14,85 Prozent sowie Betrieb und Wirtschaft bzw. Sport mit jeweils 13,86 Prozent. Die Förderungen betreffen damit besonders jene Bereiche, in denen europäische Politik vor Ort unmittelbar sichtbar wird.
Die Gründe für nicht beantragte EU-Förderungen zeigen die praktischen Barrieren. Am häufigsten genannt werden fehlende passende Projekte (14 Nennungen), bürokratische Hürden (11), Wissenslücken (9) und finanzielle Hürden wie Vorfinanzierung oder Eigenmittel (8). Die Nicht-Nutzung ist daher nicht automatisch Ausdruck mangelnden Interesses, sondern häufig eine Frage von Kompatibilität, Information, Verwaltungsaufwand und Finanzierung.
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Kurz zusammengefasst Die Q2-Erhebung zeigt eine grundsätzlich konstruktive, aber klare kommunale Perspektive auf Europa. Die EU wird von Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen weiterhin deutlich positiver bewertet als die vermutete Stimmung in der Bevölkerung. Zugleich hellt sich auch diese vermutete öffentliche Stimmung im Vergleich zu Q1 etwas auf. Neu sichtbar wird, wie stark Falschinformation, Energie und Inflation, künstliche Intelligenz, hybride Bedrohungen und geopolitische Handlungsfähigkeit bereits auf der kommunalen Ebene angekommen sind. Die Erwartung an Europa ist dabei konkret: geschlossenes Auftreten, wirtschaftliche Stärke, weniger Bürokratie, Sicherheit, Energie- und Rohstoffunabhängigkeit sowie bessere Kommunikation. Auch bei den EU-Förderungen zeigt sich ein klares Muster. Förderungen werden genutzt, vor allem für Infrastruktur, Kultur und Vereinswesen. Gleichzeitig braucht es einfachere Verfahren, verständlichere Informationen und Förderinstrumente, die auch für kleinere Gemeinden realistisch handhabbar sind. |