Die erste Quartalsauswertung 2026 zeichnet ein klares Bild: Österreichs Gemeinden und Bezirke blicken differenziert, aber keineswegs distanziert auf die Europäische Union. Die persönliche Einschätzung fällt meist positiver aus als die vermutete Stimmung in der Bevölkerung. Gleichzeitig zeigt die Umfrage deutlichen Handlungsbedarf bei Information, kommunaler Einbindung und beim Abbau bürokratischer Hürden. Besonders stark prägen Sicherheit und Verteidigung, wirtschaftliche Stabilität sowie Bürokratieabbau die Erwartungen der Befragten.
Die Ergebnisse des ersten Erhebungsdurchgangs 2026 geben einen fundierten Einblick in das Verhältnis zwischen kommunaler Ebene und Europäischer Union. Grundlage sind 217 vollständig abgeschlossene Fragebögen von Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen. Die Schwankungsbreite beträgt +/- 5 Prozent. Die Befragung ist quartalsweise angelegt. Gerade weil Gemeinden die politische Ebene der Stabilität, der Unmittelbarkeit und der Nähe zu allen Bürgerinnen und Bürgern sind, sind die Resultate aufschlussreich.
Eckdaten der Erhebung
- Zielgruppe: österreichische Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen
- Grundgesamtheit: 2.130 Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen
- Vollständig abgeschlossene Fragebögen: 217
- Feldarbeit: 15. Januar bis 26. Januar 2026
- Statistische Schwankungsbreite: ± 5 %
- Erhebungsrhythmus: quartalsweise
Zu Beginn richtet die Auswertung den Blick auf eine Grundfrage: Wie wird die Entwicklung der Europäischen Union auf kommunaler Ebene wahrgenommen und wo unterscheiden sich die vermutete Stimmung in der Bevölkerung und die persönliche Einschätzung der Befragten? Die ersten drei Abbildungen bauen genau diese Perspektive Schritt für Schritt auf.

Abbildung 1: Einschätzung der Stimmung der Bürger:innen zur Entwicklung der EU - aus Sicht der befragten Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen
Abbildung 1 zeigt nicht die direkte Meinung der Bevölkerung, sondern die Einschätzung der befragten Bürgermeister:innen und Bezirksvorsteher:innen darüber, wie die Bürger:innen in ihrer Gemeinde bzw. ihrem Bezirk die Entwicklung der EU wahrnehmen. Aus Sicht der Befragten wird diese Stimmung eher zurückhaltend eingeschätzt. Positive Bewertungen sind zwar vorhanden, stehen aber nicht im Vordergrund. Das deutet weniger auf eine pauschale Ablehnung der EU hin als auf Distanz, Unsicherheit oder darauf, dass europäische Politik für viele Menschen im Alltag noch zu wenig greifbar erscheint.

Abbildung 2: Persönliche Einschätzung der Entwicklung der EU. Die eigene Bewertung der Befragten fällt spürbar positiver aus als die vermutete Stimmung in der Bevölkerung.
Abbildung 2 richtet den Blick auf die persönliche Bewertung der Befragten. Hier fällt das Bild merklich positiver aus. Das legt nahe, dass kommunale Entscheidungsträger:innen Europa dort konstruktiver beurteilen, wo sie konkrete Berührungspunkte sehen, etwa bei Förderungen, Infrastruktur, Energie, Wirtschaft oder Sicherheit.
Die direkte Gegenüberstellung macht die Spannbreite beider Perspektiven vollständig sichtbar.

Abbildung 3: Vergleich der EU-Wahrnehmung. Die Gegenüberstellung macht den Abstand zwischen persönlicher Einschätzung und vermuteter öffentlicher Stimmung unmittelbar sichtbar.
Abbildung 3 führt beide Sichtweisen zusammen. Sichtbar wird keine grundsätzliche Ablehnung Europas, sondern vor allem eine Lücke zwischen persönlicher Erfahrung und vermuteter öffentlicher Stimmung. Für die politische Kommunikation ist das zentral: Dort, wo Europa auf Gemeindeebene konkret wirkt, wird es auch positiver beurteilt.

Abbildung 4: Wahrnehmung der Vertretung kommunaler Anliegen im Europäischen Parlament. Viele Befragte sehen Verbesserungsbedarf bei Sichtbarkeit, Repräsentation und Kommunikation.
Ähnlich differenziert fällt die Einschätzung aus, ob kommunale Anliegen im Europäischen Parlament ausreichend vertreten sind. Eine Mehrheit sieht hier Verbesserungsbedarf. Das verweist auf einen klaren Anspruch: Europäische Politik soll für Gemeinden und Bezirke nicht abstrakt bleiben, sondern an ihren realen Aufgaben anknüpfen.

Besonders deutlich wird der Befund bei den EU-Förderungen. Ein großer Teil der Gemeinden und Bezirke hat in den vergangenen fünf Jahren Förderungen der EU in Anspruch genommen. Gleichzeitig wird die Abwicklung von der klaren Mehrheit als bürokratisch erlebt. Genau darin liegt ein Kernbefund der Umfrage: Förderungen werden genutzt und als wichtig wahrgenommen, ihre praktische Handhabung ist jedoch häufig zu komplex. Wenn Programme vor Ort wirksam sein sollen, müssen Antragstellung, Nachvollziehbarkeit und Abwicklung einfacher werden.

Abbildung 6: Nutzung und Abwicklung von EU-Förderungen. Fördermittel werden breit genutzt, die administrative Umsetzung wird jedoch überwiegend als kompliziert bewertet.
Passend dazu wünschen sich die Befragten zusätzliche Informationen über mögliche Förderungen vor allem auf Landesebene. Dahinter folgen EU-Institutionen und der Bund. Das verweist auf einen pragmatischen Zugang: Kommunale Entscheidungsträger:innen wollen keine abstrakten Hinweise, sondern konkrete, verständliche und rechtzeitig verfügbare Information aus jenen Ebenen, die im Alltag als besonders anschlussfähig wahrgenommen werden.

Abbildung 7: Zusätzliche Informationen zu EU-Förderungen werden am häufigsten auf Landesebene gewünscht; dahinter folgen EU-Institutionen und der Bund.
Ergänzend dazu zeigt die Auswertung, dass vor allem kleinere und mittlere Fördersummen in den Gemeinden ankommen. Am häufigsten genannt werden Programme bis 50.000 Euro, gefolgt von Förderungen bis 100.000 Euro, während höhere Kategorien deutlich seltener angegeben werden. Dies deutet auf einen klaren Praxisbezug hin: Vor allem Förderinstrumente kommen dort zum Tragen, wo sie realistisch planbar, rasch nutzbar und im kommunalen Alltag unmittelbar anwendbar sind.

Abbildung 8: Erhaltene Höhe von EU-Förderungen. Besonders gefragt sind Programme bis 50.000 Euro, gefolgt von Förderungen bis 100.000 Euro.
Die offenen Antworten verdichten dieses Bild zusätzlich und zeigen, welche langfristigen Erwartungen Gemeinden mit der Europäischen Union verbinden. Entscheidend für die Frage, ob die EU auch in Zukunft als Erfolgsgeschichte wahrgenommen wird, sind aus kommunaler Sicht vor allem folgende Themenfelder:
- Wirtschaft, Wohlstand und Unabhängigkeit (85 Nennungen)
- Frieden, Sicherheit und Verteidigung (72 Nennungen)
- Migration, Asyl, Integration und Sozialstaat (41 Nennungen)
- Governance, Bürokratie, einheitliches Auftreten und Demokratie (38 Nennungen)
Spiegelbildlich dazu benennen die Befragten als dringendste aktuelle Probleme auf EU-Ebene vor allem Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik, des Wirtschaftsstandorts, der Migration sowie des Bürokratieabbaus. Die kommunale Perspektive ist dabei bemerkenswert nüchtern: Gefragt wird nicht nach symbolischer Politik, sondern nach konkreter Handlungsfähigkeit in jenen Feldern, die Stabilität, Alltag und Planbarkeit direkt beeinflussen.
- Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, strategische Autonomie (114 Nennungen)
- Wirtschaft, Standort und Finanzen (93 Nennungen)
- Migration, Asyl, Außengrenzen und innere Sicherheit (63 Nennungen)
- Bürokratie, Überregulierung und Verwaltungsvereinfachung (51 Nennungen)
Auch die Erwartungen an österreichische Vertreter:innen im Europäischen Parlament sind klar umrissen. Gewünscht werden vor allem eine starke Vertretung österreichischer Interessen, bessere Kommunikation und Transparenz sowie ein stärkerer Fokus auf Regionen und Gemeinden. Das zeigt: Aus Sicht der Gemeinden braucht Europa nicht weniger Politik, sondern verständlichere Politik.
- Starke Vertretung österreichischer Interessen (50 Nennungen)
- Bessere Kommunikation und Transparenz (25 Nennungen)
- Fokus auf Regionen und Gemeinden (20 Nennungen)
- Abbau der Bürokratie (11 Nennungen)
Zusätzlich wird sichtbar, bei welchen Themen Gemeinden konkret Unterstützung von der EU-Ebene erwarten. Besonders häufig genannt werden Bürokratieabbau, Förderungen und Finanzen sowie ländliche Entwicklung. Ergänzend dazu wird grenzüberschreitende Kooperation als praktischer Mehrwert der EU wahrgenommen. Auch hier zeigt sich ein konsistentes Muster: Die Erwartung an Europa ist lösungsorientiert, konkret und eng an den kommunalen Alltag gekoppelt.
- Bürokratieabbau (79 Nennungen)
- Förderungen und Finanzen (70 Nennungen)
- Ländliche Entwicklung (67 Nennungen)
- Grenzüberschreitende Kooperation (17 Nennungen)
Kurz zusammengefasst
Die Ergebnisse zeigen eine grundsätzlich konstruktive, aber klare kommunale Perspektive auf Europa: Die EU wird vielfach als relevant und wirksam erlebt, zugleich werden bessere Information, stärkere kommunale Einbindung und weniger Bürokratie eingefordert. Besonders wichtig sind aus Sicht der Gemeinden wirtschaftliche Stabilität, Sicherheit, praktikable Förderinstrumente und politische Entscheidungen, die im Alltag vor Ort tatsächlich ankommen.